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Gicht und ihre Formalisierung

Dariya Rafiyenko / Hannes Kahl - Universität Leipzig

 

1. HYPOTHESE
Während das Hauptanliegen der linguistischen Semantik als Erforschung der Bedeutung von sprachlichen Zeichen und Zeichenketten beschrieben werden kann, handelt es sich bei der historischen Semantik um einen interdisziplinär und kulturwissenschaftlich angelegten Semantikansatz, welcher Genese, Entwicklung und Verschwinden der Strukturen von semantischem Wissen diachron zu entdecken versucht. Die Prämisse der historischen Semantik ist, dass die Gleichförmigkeit des immer wieder Gesagten einen bestimmten Diskurs innerhalb der Gesellschaft widerspiegelt. Bei der Untersuchung im Rahmen historischer Semantik am Material der Antiken Texte ist der Imperativ des Wiederlesens der einst geschriebenen Texte integral dem Prozess der historischen Wahrheitsfindung.

2. DER FALL „GICHT“
Im Folgenden wird eine innovative Methode der Auswertung des sprachlichen Materials dargestellt, welche weitgehend auf den in der statistischen Analyse und der Computerlinguistik entwickelten Methoden basiert. Als Material für meine Untersuchung dient das diachrone Korpus der schriftlichen literarischen Texte, welche in der altgriechischen Sprache zwischen dem 8. Jh. v. Chr. und 15. Jh. n. Chr. verfasst wurden. Als Untersuchungsfall werden Wortformen (tokens) genommen, die zur Bezeichnung der Krankheit „Gicht“ im Korpus verwendet werden. Für die ausgewählte Lexemgruppe versuche ich die Entstehung, die semantische Veränderung und das Verschwinden bestimmter Ausdrucksmuster im Korpus für die Zeitperiode von circa zwei tausend Jahren nachzuverfolgen. Mein Ziel ist es, den Erkenntnisprozess im Rahmen der historischen Semantik zu formalisieren, sowie die Prämissen der historischen Semantik mit mathematischen Mitteln auszuwerten. Das Verfahren kann als statistisch-explorativ bezeichnet werden.

3. VERIFIKATION
Nach der Bildung der (ersten) Hypothese, auf Basis der eigenen Begriffe, Erfahrungen, der explorativen Verwendung von Berechnung und technisch gestützter Suche, ist es anschließend fraglich entlang welcher Größen das Problem formalisiert werden kann, und wie die Beziehungen dieser Größen schon bei der Formalisierung eine beträchtliche Rolle spielen. Im Weiteren der Betrachtung geht es um eine beispielhafte Formaliserung des weiten Vorgehens, unter Berücksichtigung der grundlegenden Abstracta der Fachsprache, der grundlegenden berechenbaren Größen und deren Beziehung (Netzwerk und Prozess des Experiments zur Bezifferung der Hypothese). Um dieses Beispiel als Exemplar dienlich lassen zu sein, wird diskutiert, wie gültig auf einem wahrscheilichkeitstheoretsichen Hintergrund eine statistische Auswertung sein kann. Anschließend, diese Bedingung weiterentwickelnd, wird gezeigt welche statistsichen Verfahren in Frage kommen und welche Deutung diese aus dem Geflecht ihrer begifflichen Entstehung und dem Netz der Annahmen und variablen Größen erlauben. Um der Aussagbarkeit der nummerischen Belege der Hypothese eine Rechung zu tragen, wird abschließend die Terminologie der Wahrscheinlichkeitsrechung/Statistik/Fehlerrechnung in den terminologischen Bereich der Logik transformiert, in der Hoffnung die Einsicht in die Ergebnisse dem im Denken Kundigen, mehr denn dem im Rechnen Kundigen, zu ermöglichen.

 

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